Das Café (von Uwe)



„Haben Sie noch einen Wunsch?“ Eine Hand nahm die leere Tasse vom Tisch und stellte sie auf das Tablett. „Hallo?“, fragte sie wieder. „Darf ich ihnen noch etwas bringen?“ Schnitt.
Ich war raus. Coitus Interruptus, kurz vor dem Höhepunkt.
Ich ließ mich zurück fallen, gegen die Stuhllehne. Klappte den Laptop zu und schaute hoch. Ich wollte wissen, was für ein Wesen mir diese Story versaut hatte. Mitten im Satz plapperte sie dazwischen. Gerade deshalb war ich doch extra hier hingekommen. Hatte mich in dieses kleine ruhige Café gesetzt, um ungestört zu schreiben.
Die Betonung lag dabei auf ungestört. Bisher konnte ich mich immer darauf verlassen. Keine der Bedienungen war bislang auf die Idee gekommen, freiwillig einen Gast am Tisch aufzusuchen. Ich musste jedes Mal zwei, dreimal winken oder gar rufen, bis ich bedient wurde. Das war mir oft zuwider, aber heute hatte ich genau deshalb dieses Café aufgesucht. Mal wieder in aller Ruhe, ohne Telefongeklingel und andere Störungen schreiben. Und nun das! Mist!

Ungeduldig wippte sie mit dem Fuß. „Und?“ kam eine knappe Frage.
„Noch nen Capuccino.“
„Mit Milch oder Sahne?“ So schnell wurde ich sie wohl nicht los.
„Mit Milch. Schön heiß. Ewas Kakaopulver obendrauf. Oder nein. Lieber mit Sahne und etwas Zimt.“
Ich beobachtete ihre schlanken Finger, während sie ihre Notiz auf dem kleinen Bestellblock machte.

Sie musste neu hier sein. Kaum mehr als drei Gäste im ganzen Laden. Was musste man sich da schon notieren? Außerdem war sie unaufgefordert an meinen Tisch getreten. Hätte mich sonst sicher beeindruckt, aber nicht heute, nicht in diesem Moment. Nicht wenn ich schrieb!

Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging mit wiegenden Hüften in Richtung Theke. Der Gang konnte sich sehen lassen. Sie war flink auf ihren weißen Segeltuchschuhen. Ihre enge, schwarze 7/8 – Jeans saß straff um ihren niedlichen Hintern und betonte ihre sportlich durchtrainierten Beine. Darüber trug sie eine weiße Bluse und ihre vermutlich langen blonden Haare waren mit einer schönen Spange aus schwarzem Leder hochgesteckt. Ich war gespannt, wie sie von vorne aussah. Um diesen Anblick nicht zu versäumen, nahm ich erst mal meinen Tabak zur Hand und drehte mir in aller Ruhe eine frische Zigarette, steckte sie an und sog langsam den Rauch tief in meine Lunge. Langsam wurde ich wieder etwas ruhiger. Mein Zorn über die unerwartete Störung verpuffte langsam und mein Pulsschlag sank wieder in gesunde Regionen herab.

Ich wartete und versuchte wieder an meine Story zu denken. Gleich wenn das Getränk da wäre, würde ich wieder tippen. Die Tasse würde ich genau so stehen lassen, damit man schon von weitem sah, dass ich bestens versorgt war, und weitere Störungen unterlassen würde. Also wurde meine Laune auch wieder etwas besser.
War auch bestimmt besser, um eine gute erotische Geschichte zu schreiben.
Ich nahm noch einen Zug.

„So, bitteschön.“

Ich zuckte zusammen.
Sie hatte sich auf ihren Turnschuhen leise von hinten angeschlichen und stand nun direkt neben mir. Mein Puls begann sofort wieder zu rasen. Meine Nasenflügel zuckten, als ich ihren herrlich frischen Duft aufnahm. Ich sah nach rechts. Mein Blick haftete genau zwischen ihren Brüsten. Der kleine Knopf zwischen ihnen sah aus, als wolle er jeden Augenblick abspringen, aber irgendetwas hielt ihn zurück dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Mein Blick senkte sich ein wenig. Die Bluse war nur mit zwei Knöpfen verschlossen. Den restlichen Stoff hatte dieses süße Ding einfach vorne zusammen geknotet. Dadurch wurde der Blick auf ihren kleinen Bauchnabel frei, in dem ein kleines blaues Steinchen funkelte.
Ihre Bauchmuskeln strafften sich, als sie die Tasse vom Tablett nahm.
Der Geruch von frischem Kaffee mit einem Hauch von Zimt stieg mir in die Nase. Als sie ihren Arm ausstreckte, um an den Tisch zu gelangen wurde ihr Oberteil vom Licht, welches durch das Fenster hinter ihr in den Raum fiel, durchflutet. Die Konturen ihrer schönen festen Brust waren deutlich zu erkennen. Meine Jeans wurde eng und mir ein wenig unbequem. Ich zwang mich dazu, weiter nach oben zu schauen, verfolgte ihren schlanken Hals bis zu ihrem Kinn und weiter hinauf zum Ohr. Auch hier sah ich wieder so einen kleinen blauen Edelstein funkeln.
Sie richtete sich auf und eine ihrer blonden Strähnen hatte sich aus der Spange gelöst, um ihrem süßen Lächeln eine anregende Wirkung zu verleihen, indem sie sanft ihren Mundwinkel umspielte.
Ich konnte so eben noch ein „Danke“ hauchen, als sie sich schon wieder umdrehte und mit ihrem süßen Hintern zwischen den Tischen hindurch zur Theke schlingerte.

Entgegen meinem Plan, nahm ich die Tasse und führte sie an meinen Mund. Während ich ihr noch hinterher sah, sog ich noch einmal diesen frischen Duft aus Kaffee und Zimt ein.
Bei der ersten Berührung dieses köstlichen Getränks mit meiner Zunge, wurde mir endgültig klar, dass an Schreiben nicht mehr zu denken war. Sie hatte mich raus gebracht. Keinesfalls konnte ich jetzt noch einmal an diesen kalten Wintertag denken, an dem ich mit Sarah und Karin im Park spazieren ging und die beiden auf dem Rücksitz in unserem Wagen ihren Spaß hatten.
Jetzt war mir heiß. Eher nach Sommer und Spaß zu Mute, als nach Schnee und Eis.
Anstatt zu versuchen mich wieder auf die Geschichte zu konzentrieren, verlegte ich mich aufs Beobachten. Meine zweite Lieblingsbeschäftigung an diesem gemütlichen Ort.

Manchmal gab es interessante Dinge zu sehen, während man hier seinen Kaffee genoss.
Paare die heimlich Zärtlichkeiten austauschten. Geschäftspartner, die nach angeregter Diskussion Verträge unterzeichneten. Streitende Paare in den verschiedenen Konstellationen. Blinddates. Chattreffen. Ein Wiedersehen nach vielen Jahren mit der alten Jugendliebe. Manager die sich hinter ihren Zeitungen mit den Börsennachrichten versteckten.
Und und und.
Außerdem war Die Kellnerin sicher noch ein paar Blicke wert.
Allerdings war es ja heute hier nicht sehr belebt, als dass man was Interessantes hätte sehen können.

Obwohl…

Anscheinend hatte mich dieses süße Wesen von Kellnerin doch mehr abgelenkt, als mir bewusst war. Eigentlich gab es bei mir zu zwei Dinge, wenn ich so im Café saß, um zu schreiben. Erstens, ich schrieb und bekam nichts mit, oder zweitens, ich ließ meinen Gedanken freien Lauf und beobachtete aus den Augenwinkeln, was sich um mich herum so ereignete.
Dieses Mal war mir doch glatt etwas durchgerutscht. Als ich diese verstohlenen Blicke auf den Körper der Kellnerin unternommen hatte, hatte sich jemand an einen Tisch geschlichen, der schräg vor mir am Fenster stand.
Sie war alleine. Typ: Managerin, Rechtsanwältin…irgendsowas. Sie trug ein graues Businesskostüm, kurzer Rock und passender Blazer. Dazu Nylons mit einer Naht an der Rückseite. Ihre Füße steckten in recht hohen Pumps.
Ihre dunklen langen Locken waren locker zu einem Zopf gebunden. Ihr Gesicht war dezent, aber perfekt geschminkt.
Als sie die Karte studierte, sah ich ihre schlanken Finger mit schön manikürten Nägeln. Kein Ehering. Wahrscheinlich Workaholic, keine Zeit für was Festes in der wenigen freien Zeit.

Sie legte die Karte wieder zur Seite und steckte sich eine von diesen langen, dünnen Zigaretten an. Die Kellnerin schlingerte zu ihr rüber, nahm die Bestellung auf und ging, gefolgt von meinen bewundernden Blicken, wieder in Richtung Theke, um kurz darauf mit einem Kaffee und einem Cognac wieder in meinem Blickfeld aufzutauchen.
Was für ein Gegensatz.
Die eine, gerade zwanzig, blond, sportlich, lässig und mit einem freundlichem Lächeln. Die andere sicher doppelt so alt, dunkel, elegant, Zigarette, Kaffee, Cognac, Aktentasche und ein eher unnahbarer Gesichtsausdruck.
Jede von ihnen mit einer extrem erotischen Ausstrahlung. Jetzt ein Foto. Genau in dem Moment, wenn sie im Gegenlicht die Tasse auf den Tisch stellt und sich das Licht noch im Cognacglas auf dem Tablett bricht. Ihre Blicke begegnen sich kurz. Preisverdächtig.

Nachdem die Kellnerin abgestellt hatte, kam sie kurz an meinem Tisch vorbei. Ein Blick auf meine, immer noch fast volle, Tasse und sie verschwand hinter mir. Die andere nahm zunächst einen großen Schluck Cognac und ließ ihn genüsslich die Kehle hinunter gleiten, trank einen kleinen Schluck heißen Kaffee hinterher und inhalierte noch einen Zug von ihrer Zigarette. Dann sah sie sich im Lokal um. Es sah aus, als wolle sie sicher gehen, unbeobachtet zu sein.

Ich klappte schnell wieder den Laptop auf und tat so, als würde ich in meine Arbeit vertieft sein.
Bestanden.
Sie nahm keine Notiz von mir, griff nach ihrer Tasche und holte etwas hervor, das mir nur zu gut bekannt war. Es war ein Taschenbuch. Mein Buch, wie ich beim ersten Blick aufs Cover sofort sah.
Ich schmunzelte und musste hinter meinem Bildschirm Lächeln.
Wer wohl noch alles erotische Kurzgeschichten las?

Ein wenig war ich stolz drauf und ich fragte mich, welche Geschichte sie wohl gerade zu lesen begann. Hatte sie das Buch von Anfang gelesen, oder wahllos in der Mitte begonnen? Hatte sie nach einem Titel ausgewählt, oder nach der Länge einer Story? Welche Story gefiel ihr wohl am besten?
Das wäre doch jetzt eine gute Gelegenheit, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Aber vielleicht wollte sie ja gerade das nicht? Schließlich sah man es ihr ja an, dass sie hier heimlich las und sicher ungestört sein wollte.
Sie schlug das Buch auf, schaute wohl kurz ins Inhaltsverzeichnis und blätterte dann weit nach hinten durch.
Vielleicht die letzte Story in diesem Band. Vielleicht wollte sie hier und jetzt das Buch zu Ende lesen. Hoffentlich, denn auf der letzten Seite war ich. Also mein Bild.

Ich linste angespannt über den Rand meines Bildschirms. Drehte noch eine Zigarette und genoss den heißen Rauch in meinem Rachen. Meine Hände wurden feucht, als ich sie beobachtete, während sie meine Träume, Phantasien und Gedanken las.

Sie hielt das Buch in der linken Hand, die Zigarette in der rechten. Sie las ein paar Seiten, während sie ab und zu an der Zigarette zog. Dann legte sie das Buch auf den Tisch, nahm noch hastig einen tiefen Zug und drückte die Zigarette im Aschenbecher aus. Zeige- und Mittelfinger der linken Hand hielten das Buch aufgeschlagen.

Während ihre wundervollen großen blauen Augen schnell von links nach rechts die Zeilen verfolgten, nestelten Zeigefinger und Daumen ihrer rechten Hand schon oben an der nächsten Seite, ungeduldig, um schnell weiter zu blättern.

Nur ganz kurz ließen sie das Buch los, um mal eben kurz den Knopf des Blazers zu öffnen. Sie strich sich kaum merklich sanft über die Brust, dann schnellten die Finger wieder hoch, um die nächste Seite zu offenbaren.

Ich sah, wie sich ihre Brust, während sie tief atmete immer schneller hob und senkte. Die Halsschlagader pulsierte und immer wieder fuhr sie sich mit ihrer feuchten Zunge über die Lippen. Sie rieb ihre Schenkel aneinander und ich konnte das leise, knisternde Geräusch fast hören, welches ihre Nylons bei jeder kleinen Bewegung verursachten.
Immer wieder spannten sich die Muskeln ihrer Schenkel an. Die Spannung reichte bis in die Fußspitzen. Nächste Seite. Noch einmal die Lippen anfeuchten. Ihr Hintern straffte sich unter dem kurzen engen Rock und dann sah ich ihre zitternden Nasenflügel. Sie lächelte kaum merklich. Ihre Augen verharrten auf einem Punkt und wurden leicht feucht.
Abwesend und leise, aber schwer, atmend schaute sie aus dem Fenster.

Sie dreht das Buch um, legt es auf den Tisch. Zündet eine neue Zigarette an und nach den ersten Zügen führt sie wieder das Cognacglas an ihre vollen Lippen. Sie wirkt jetzt nicht mehr so sicher wie vorher. Keineswegs unnahbar. Ihre Hand mit dem Glas zittert leicht und sie muss beinahe husten, als der Schnaps in ihrer Kehle brennt. Schnell einen Schluck Kaffee hinterher und ein, zwei Mal tief durchatmen. Die Flammen, die ihr Höhepunkt in ihrem Körper entfacht hatte, erlöschen langsam.

Dann hat sie sich gefangen, nimmt das Buch wieder auf, zieht an ihrer Zigarette. Während sie jetzt langsam und bedächtig noch einmal umblättert, bläst sie wieder völlig selbstsicher den Rauch aus den Lungen. Sie sieht die nächste Seite und plötzlich lässt sie das Geräusch, als ich meinen Laptop schließe aufschrecken.
Sie schaut zu mir rüber. Unsicher. Fast ängstlich ertappt worden zu sein.
Ich lächel’ sie an.

Sie sieht mir in die Augen, schaut wieder aufs Buch. Hin und her wandern ihre Blicke.
Ich nicke ihr leicht und kaum merklich zu.
Mit einem Augenzwinkern nehme ich meine Tasse, proste ihr unauffällig zu und ernte noch einmal ein Lächeln aus den Tiefen ihrer blauen Augen.

Geschichte verschicken


Das Café (von UWe)
Impressum Gästebuch