Freunde (von Alexandra)



Eigentlich kenne ich ihn schon lange. Er ist sozusagen mein bester Freund. Und wir haben bis jetzt alles miteinander geteilt.

Als er sich von seiner Frau scheiden ließ hat er sich abends an meiner Schulter ausgeweint. Als sie ihm das Sorgerecht für ihr gemeinsames Kind entzog haben wir mitten in der Nacht stundenlange Telefongespräche geführt. Und als ich von der Liebe meines Lebens, wie ich damals glaubte, verlassen wurde, war er für mich da, hat mich getröstet und mir neues Selbstbewußtsein gegeben.

Ich habe ihm eine nette Arbeitskollegin vorgestellt, weil er jetzt schon seit zwei Jahren allein lebt. Sie ist wirklich süß, sehr hübsch und unglaublich lieb. Genau die richtige für ihn, dachte ich und habe beide zu einem Abendessen eingeladen.

Sie verstanden sich prächtig, amüsierten sich, lachten miteinander und entdeckten viele Gemeinsamkeiten. Als sie sich verabschiedete, bedankte sie sich bei mir. Sie hatten die Telefonnummern ausgetauscht, und er hat versprochen sie anzurufen.

"Er ist wirklich genial, ich danke dir, daß du ihn mir vorgestellt hast," sagte sie, als ich ihren Mantel vom Garderobenhaken nahm. Ich lächelte etwas gequält und fragte mich, warum sich jetzt nicht die Freude einstellte die ich erwartet hatte.

Er blieb noch eine Stunde länger und schwärmte von ihr. "Sie ist wirklich super, ich habe ein gutes Gefühl dabei. Ich danke dir!" Ich lächelte noch gequälter und wunderte mich nun wirklich über das Fernbleiben der Freude.

Wieder allein saß ich noch länger wach am Tisch, leerte die Flasche Wein und grübelte über meine Beziehung zu ihm.

Ein Freund, natürlich. Ich habe mehrere Freunde. Wir sind oft zusammen ausgegangen, haben mit anderen geflirtet und uns anschließend von den meistens enttäuschenden Nächten erzählt.

Wir waren uns immer einig; er hatte einige Frauen kennengelernt und sie mit zu sich nach Hause genommen, nur um mir am nächsten Morgen brühwarm zu erzählen, daß sie Fußgeruch, Mundgeruch, häßliche Unterwäsche oder ein entsetzlich albernes Lachen gehabt hatte. Und wir haben miteinander gelacht und beschlossen, daß das Leben allein doch sowieso viel schöner ist.

Wir sind zusammen ins Kino oder ins Theater gegangen, haben nächtelang in meiner oder seiner Wohnung gesessen, Wein getrunken und über das Leben und die Liebe philosophiert. Und wieder einmal festgestellt, daß wir allein viel besser dran sind.

Bin ich eifersüchtig? Sicher nicht. Ich habe mir oft überlegt, ob aus uns mehr werden könnte. Habe oft wach im Bett gelegen und an ihn gedacht, habe mir vorgestellt, daß wir Liebe miteinander machen. Wir haben es in einer Sektlaune sogar einmal miteinander versucht, fällt mir bei der Gelegenheit ein. Bei der Erinnerung muß ich lachen. Wir sind wild knutschend übereinander hergefallen und über den Teppich gerollt. Eine halbe Stunde lang. Dann haben wir uns hingesetzt, albern gekichert und beinahe gleichzeitig gesagt: "Neeee."

Wer hatte es nun eigentlich zuerst gesagt? Ich erinnere mich nicht mehr genau. Wahrscheinlich waren wir einfach nur zu betrunken gewesen, um leidenschaftlich sein zu können.

Nun sitze ich wieder hier, er hat seit Tagen nicht mehr angerufen, er hat jetzt eine Freundin. Da bleibt nicht mehr viel Zeit für mich. Wahrscheinlich ist es nur das, was mich traurig macht. Ich möchte ihn nicht verlieren.

Wenn ich sie morgens im Büro sehe, glücklich und strahlend, mit diesem Glanz in den Augen, den ich an mir schon seit Jahren vermisse, könnte ich sie erwürgen. Sie ahnt nichts von meinen Gefühlen, ich weiß sie wohl zu verbergen. In der Mittagspause setzt sie sich zu mir an den Tisch und schwärmt von ihm. Was für ein toller Liebhaber er doch sei, einfühlsam, zärtlich, ausdauernd. Ich lächle etwas verbissen und versuche, ihre Erzählung zu ignorieren.

"Am Wochenende fahren wir zusammen in sein Ferienhaus," erzählt sie mir heute, sitzt mir gegenüber am Tisch mit ihren schönen langen Haaren und ihren vollen Lippen. "Da waren wir auch oft zusammen," erinnere ich mich und denke an unsere Nächte voller Philosophie, Sterne und Wein. Und daran, daß wir mehrmals in einem Bett geschlafen haben, ohne das etwas passiert wäre. Er hat nie den Anfang gemacht. Ich habe nie die Veranlassung dazu gesehen. Er ist mein bester Freund.

Sie zieht nach dem Essen ihren Lippenstift nach. Ich frage mich, wie ich auf die Idee gekommen bin, daß sie zueinander passen könnten. Eigentlich ist sie doch nur eine schöne Hülle, ein Püppchen. Inhaltslos, leer. Er braucht doch jemand ganz anderen, er muß sich niveauvoll unterhalten, muß Kultur und Literatur genießen können. Wir konnten immer über alles reden. Wir haben die selben Bücher gelesen, die gleichen Filme geliebt. Nebeneinander auf dem Sofa gesessen, am Sonntag nachmittag, und bei alten Schnulzen aus den Vierzigern einige Tränen zerdrückt. Er hat sich nie geschämt, vor mir zu weinen, dafür habe ich ihn immer sehr bewundert.

Ich weiß so viel von ihm. Was ich nicht kenne, sind seine Qualitäten als Liebhaber. Die erfahre ich ja nun von ihr.

Am Wochenende fahren sie also in sein Ferienhaus. Es ist ein langes Wochenende, am Freitag ist ein Feiertag. Früher sind wir zusammen weggefahren, an langen Wochenenden. Nun sitze ich allein zu Hause und stelle voller Panik fest, daß ich keine Verabredung habe. Was soll ich bloß ohne ihn machen?

Heulend starre ich auf das Telefon und überlege, ob ich ihn einfach anrufen soll. Aber sicher ist sie bei ihm und ich störe die beiden. Es ist 23 Uhr. Wahrscheinlich liegen sie leidenschaftlich ineinander verkeilt auf seinem schönen flauschigen Teppich herum. Er mag große Brüste, das hat er mir mal erzählt. Sie hat wirklich wunderschöne Brüste. Aber meine sind ja auch nicht gerade klein. Bei dem Gedanken an sie wird mir übel. Ich renne zur Toilette und übergebe mich.

Wie oft haben wir uns über unsere sexuellen Vorlieben unterhalten? Und wie einig wir uns immer waren! Ich mag nicht daran denken, daß er gerade seine Zunge zwischen ihren schlanken Schenkeln vergräbt, sie mit ihren rotlackierten Nägeln seinen Rücken zerkratzt und sich lüstern stöhnend unter ihm windet. Mag mir seine Erregung nicht vorstellen, während er in sie eindringt, ihre Brüste liebkost. Mir wird schon wieder schlecht. Doch bevor ich zur Toilette laufen kann, schrillt das Telefon. Es ist fast null Uhr, wer kann das sein?

Zögernd bleibe ich stehen. Das Telefon schrillt hartnäckig, der Anrufbeantworter ist ausgeschaltet. Ich nehme den Hörer auf. "Ja?" sage ich leise, meine Übelkeit unterdrückend. "Hallo, Süße, ich bin es." Seine Stimme jagt mir einen ungewohnten Schauer über den Rücken. "Ich habe gerade an dich gedacht, wir haben uns lange nicht mehr gesprochen. Bist du noch wach? Oder habe ich dich jetzt geweckt?" Ich muß mich setzen, greife nervös zu meinen Zigaretten. "Ich bin noch wach," hauche ich in den Hörer. Er zögert etwas. "Fein. Kann ich zu dir kommen? Ich glaube, ich muß mit dir reden...." Ich schlucke, mein Herz klopft so laut, daß ich mein eigenes Wort nicht mehr verstehen kann. "Komm. Komm." sage ich und lege den Hörer auf. Und warte bebend darauf, daß es an der Haustür läutet, er hereinkommt, mich anlächelt, in seine Arme nimmt und an sich drückt und unsere Zungen endlich miteinander verschmelzen............




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